Umwelthilfe-Chef Jürgen Resch: “Wir erleben eine große Kampagne der Autoindustrie gegen uns”

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Herr Resch, sind Sie schon persönlich bedroht worden? Nein. Es gibt allerdings vereinzelte Hassmails. Die Absender gehören offensichtlich zum Umfeld der AfD, die Nachrichten strotzen vor inhaltlichen und grammatikalischen Fehlern. Die meisten betroffenen Diesel-Besitzer wenden sich mit Sachfragen an uns, wie sie beispielsweise Nachrüstungen beim Hersteller durchsetzen können. Und viele danken uns, dass wir für die Hardware-Nachrüstung kämpfen. Bei öffentlichen Auftritten erlebe ich überwiegend Zuspruch und Unterstützung.

Mit dem Kampf gegen den Diesel haben Sie sich aber viele Feinde gemacht – nicht nur bei den Autoherstellern und Politikern, sondern auch in der Bevölkerung. Kann das der Arbeit und dem Image der DUH schaden? Nein, das glaube ich wirklich nicht, lassen Sie mich hierzu etwas weiter ausholen. Die DUH kämpft seit 40 Jahren, ich selbst über 30 Jahre, für die “Saubere Luft”. In den 80er Jahren dokumentierten wir  das Waldsterben und kämpften gegen den “sauren Regen”, verursacht durch Schwefeldioxid. In den 90er Jahren engagierten wir uns ebenfalls mit viel Gegenwind für den serienmäßigen Katalysator bei Benzin-Pkws. 1998 kam unsere erste große Kampagne zur Durchsetzung “schwefelfreier Kraftstoffe” mit dem Erfolg, dass wir seitdem Millionen Tonnen weniger einatmen müssen. 2002 folgte dann die Aktion “Kein Diesel ohne Filter”. Was haben wir seinerzeit an Vorwürfen einstecken müssen. Aber wir haben damit den Diesel-Partikelfilter durchgesetzt. Seit 2007 nun decken wir immer neue Beispiele für den Abgasbetrug bei Diesel-Pkw beim besonders heimtückischen Dieselabgasgift NOx auf. Das ist der inhaltliche rote Faden unserer Arbeit für Umwelt und Gesundheit der Menschen. 

DMK 2019

Der 11. Deutsche Medienkongress findet am 22. und 23. Januar 2019 in der Alten Oper Frankfurt statt. Das zweitägige Branchentreffen liefert News, Trends und Inspiration von Unternehmenslenkern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus Unternehmen, Medien und Agenturen. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres 2018. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 1399 Euro. Frühbucher-Tickets sind bis zum 31. Dezember zum reduzierten Preis von 899 Euro erhältlich. Darüber hinaus gibt es bei einer Anmeldung ab dem dritten Teilnehmer eines Unternehmens 50 Prozent Rabatt. Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT Award. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2019 sind HORIZONT und dfv Conference Group.

Kontrovers werden vor allem Ihre juristischen Aktivitäten gesehen. Das ist der andere rote Faden. Der Staat kümmert sich immer weniger um die Einhaltung seiner eigenen Regeln und Gesetze. Deshalb haben wir vor 13 Jahren begonnen, ihn über Klagen vor Gericht dazu zu zwingen, Recht und Gesetz bei der Durchsetzung der “Sauberen Luft” zu beachten. Seit 2005 haben wir jedes einzelne Gerichtsverfahren in jeder Instanz gewonnen – bis zum Bundesverwaltungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof. Was mich aktuell tatsächlich erschreckt, ist das vorsätzlich rechtswidrige Verhalten unseres Staates. Wir versuchen, die Demokratie zu schützen und zu bewahren, indem wir dafür sorgen, dass wichtige gesellschaftliche Fragen nicht mehr in Hinterzimmern, sondern im Lichte der Öffentlichkeit diskutiert und entschieden werden. Ich glaube nicht, dass die Deutsche Umwelthilfe einen langfristigen Imageschaden davonträgt, wenn sie sich für die Einhaltung von Recht und Gesetz einsetzt. Den erleidet derzeit eine Bundesregierung, die mit den Dieselkonzernen konspirative Absprachen gegen geltendes Recht trifft und beispielsweise versucht, EU-Grenzwerte einfach anzuheben. 

„Der Staat kümmert sich immer weniger um die Einhaltung seiner eigenen Regeln und Gesetze.“

Jürgen Resch

Viele Bundesbürger stört das aber nicht, sofern sie Dieselfahrer und von Fahrverboten bedroht sind. Lässt Sie deren Unmut kalt? Dieser Unmut wird gerade von der Autoindustrie geschürt, die bei der Abgasreinigung betrogen hat und nun ablenken möchte. Wir bekommen mehrheitlich Anfragen von Diesel-Fahrern, die wissen wollen, wie ihr Fahrzeug auf Kosten der Hersteller nachgerüstet werden kann. Das dauert zwei bis vier Stunden Werkstattaufenthalt, und für die Hälfte der betroffenen Modelle sind die entsprechenden Systeme fertig entwickelt. Unsere Forderung der Hardwarenachrüstung zu 100 Prozent auf Kosten der Hersteller ist inzwischen Regierungsmeinung. Allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass die DUH eine verbindliche Kostenübernahme der Autohersteller fordert und nicht nur als freiwillige Maßnahme von diesen “erwartet”. 

Im Gegensatz zu viel größeren Organisationen wie Greenpeace, die Social Campaigning betreiben, konzentriert sich die Kommunikationsstrategie der DUH auf die Präsenz in den Medien. Fühlen Sie sich in der Diesel-Debatte von den Journalisten verstanden? Zum Glück gibt es noch eine Menge seriöser Medien mit journalistischem Anspruch. Allerdings erleben wir zunehmend, dass einige Medien sich von diesem Anspruch entfernen und nur noch Anzeigenblätter sind. Deren Ziel ist weniger eine objektive Berichterstattung als vielmehr die Motivation, einen zivilgesellschaftlich relevanten Verein zu diskreditieren. Nehmen Sie das Beispiel Krombacher… 

Die Brauerei hat die Zusammenarbeit mit der DUH beendet. Richtig, genauso wie die mit dem WWF und NABU zu deutschen Naturschutzprojekten. Aber das hat nichts mit der aktuellen Diesel-Debatte zu tun. Krombacher hat vor über einem Jahr beschlossen, dieses auf mehrere Jahre angelegte Kooperationsprojekt mit allen drei Verbänden zum Jahresende 2017 zu beenden, weil man, wie das Unternehmen auch offiziell sagt, nun andere Marketingziele hat. Nun suggerieren einige Medien wahrheitswidrig, dass Krombacher auf Dieselgate reagiert. Wir erleben derzeit eine große Kampagne der Autoindustrie gegen uns, gerade in den Sozialen Medien. Und es gibt Hersteller, die ganz offen bei den Redaktionen anrufen und Einfluss auf die Berichterstattung nehmen – da wird ungeniert reingegriffen. 

Im Spiegel erschien kürzlich unter dem Titel “Ich Gutbürger” ein sehr persönliches Porträt, in dem Sie als kleinkarierter Erbsenzähler dargestellt werden, für den die Dieselfahrer nur ein “Kollateralschaden seines Erfolgs” sind. War es klug, sich auf eine solche Geschichte einzulassen? Nachher ist man immer klüger, und ich hätte bei meiner anfänglichen Ablehnung bleiben sollen. Und gerade unser Einsatz für alle betroffenen Dieselfahrer, kostenfrei eine Hardware-Nachrüstung vom Hersteller zu erhalten, zeigt, dass es mir ehrlich darum geht, den betroffenen Dieselfahrer keinen Kollateralschaden zuzufügen. Richtig ist mein Faible für den Spätburgunder, ansonsten fühle ich mich an vielen Stellen falsch dargestellt. 

Die DUH argumentiert in der Regel eher nüchtern und mit wissenschaftlichen Fakten. Sie persönlich sind aber auch für provokative Sprüche bekannt. Wie passt das zusammen? Was meinen Sie denn mit provokativ? 

Nachdem ein CDU-Bezirksverband gefordert hat, der DUH die Gemeinnützigkeit und das Verbandsklagerecht vor Verwaltungsgerichten abzuerkennen, haben Sie Parallelen zu Viktor Orban und Wladimir Putin gezogen. Mit Verlaub: Der Vergleich mit Orban drängt sich doch auf. Dieser kassiert von NGOs 25 Prozent Sondersteuer für Zuwendungen aus dem Ausland und beschränkt ihre Rechte vor Gerichten zu klagen. Ausgerechnet unsere Gemeinnützigkeit und Klagerechte vor Verwaltungsgerichten will uns der Bezirksverband der CDU nehmen, in dessen Gebiet große Autohersteller ansässig sind und dessen Ehrenvorsitzender Matthias Wissmann ist. Aber es ist in einer Demokratie nicht Aufgabe von Parteien, über die Gemeinnützigkeit zu befinden, sondern des zuständigen Finanzamts. 

Die DUH geht juristisch nicht nur gegen den Staat vor, sondern auch gegen Unternehmen, wenn gegen Bestimmungen des Verbraucherschutzes verstoßen wird. Das hat Ihnen den Ruf eines “Abmahnvereins” eingebracht. Müssen Sie wirklich gegen kleine Autohändler vorgehen, weil in ihrer Werbung Angaben zu den CO2-Emissionen der Fahrzeuge fehlen? Wir kontrollieren seit 114 Jahren die Einhaltung von umweltbezogenen Verbraucherschutzvorschriften in 20 Rechtsgebieten. Nur beim Thema Auto werden wir andauernd kritisiert, weil diese Branche einfach nicht kontrolliert werden will. Ich habe auch noch nie gehört, dass man den Mieterschutzbund oder die Verbraucherzentralen als “Abmahnvereine” bezeichnet hat, obwohl sie nach derselben Gesetzesgrundlage arbeiten wie wir. Als klageberechtigter Umwelt- und Verbraucherschutzverband sind wir Bestandteil der deutschen Rechtspflege und in dieser Funktion mit bestimmten Aufgaben beauftragt. Wenn wir von Verstößen erfahren, müssen wir diesen nachgehen. In aller Regel verfolgen wir Rechtsverstöße von großen Herstellern oder Händlern. 

Erleben Sie eigentlich aktuell die spannendste Zeit in Ihrer Arbeit für die DUH? Ja und nein. In den vergangenen 32 Jahren gab es selten Langeweile, und wir blicken auf viele aufregendere Projekte und Erfolge zurück – bereits vor meiner Zeit bei der DUH waren dies die Aufdeckung eines Vogelsterbens samt Verbot des verursachenden Pestizids oder zur Atomkatastrophe von Tschernobyl ein Beratungsbüro. Die Durchsetzung der Katalysatoren und schwefelfreie Kraftstoffe oder Mehrwegschutz durch das Dosenpfand waren spannende Kampagnen. Mir liegen auch internationale Naturschutzprojekte sehr am Herzen. Deshalb habe ich mit Freunden vor genau 20 Jahren privat den “Gobal Nature Fund” gegründet, der heute Umweltprojekte in mehr als 50 Ländern durchführt. Und ich ärgere mich grün und blau, dass wir, anstatt für strengere Regeln zu kämpfen, heute so viel Zeit darauf verwenden müssen, den Staat über Gerichtsentscheidungen zu zwingen, Recht und Gesetz einzuhalten. Ich hoffe, dass wir spätestens in 2019 ausreichend Zeit finden, für die nach Meinung der Lungenfachärzte notwendige Verschärfung der Grenzwerte nach Vorbild der Schweiz kämpfen zu können. 

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