Horror-Rechnung: 1.000 Euro Lehrgeld für vergessenen Flugmodus

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Flugmodus nicht vergessen! Sowohl in Flugzeugen als auch auf Schiffen in internationalen Gewässern können mobile Datenverbindungen schnell teuer werden. Diese und weitere Kostenfallen gelten auch trotz EU-Regulierung und auch in Gewässern zwischen EU-Staaten. Das Schlimmste: Die hohe Rechnung nach dem Urlaub droht Euch auch dann, wenn Ihr das Handy an Bord gar nicht aktiv genutzt habt.

Die Vorfreude ist riesig. Ihr geht an Bord, verstaut Gepäck und Jacke in der Ablage, lest ein Buch oder schaut einen Film mit dem Bord-Entertainment bis Ihr einschlaft. Nach dem Urlaub kommt das böse Erwachen: Auf Eurer Telefonrechnung erscheint ein Posten über mehrere hundert Euro: Roaming in Flugzeugen und Schiffen ist extrem teuer und entzieht sich den in der EU geltenden Regulierungen!

Sowohl der Guardian als auch c’t konnten anhand mehrer Beispiele zeigen, dass Reisende erstaunlich schlecht geschützt sind, wenn es um hohe Verbindungsgebühren auf Reisen geht. Auch die Verbraucherzentralen schlagen Alarm: Wenn Ihr nicht eine Rechnung von über 1.000 Euro erhalten wollt, müsst Ihr selbst vorbeugen.

Was kostet Roaming im Flugzeug oder auf dem Schiff?

In den Beispielen des Guardian beziehungsweise der c’t waren Fluggäste mit dem Netzbetreiber AeroMobile verbunden. Auf seiner Website erklärt der Partner vieler Airlines, dass “Roaming-Gebühren entstehen”. Deren Höhe variiere jedoch abhängig von Eurem heimischen Provider. Was Ihr also unterm Strich für die Nutzung von WhatsApp im Flugzeug bezahlt, hängt von Eurem Mobilfunkvertrag ab.

Der eigentlich weltweit geltende Kostendeckel für Roaming-Gebühren in Höhe von 59,50 Euro für Mobilfunkverträge aus der EU ist bei AeroMobile und seinem Pendant auf Kreuzfahrtschiffen und Fähren ausgehebelt. Und die Rechnungen werden sehr schnell sehr hoch. Die Verbraucherzentrale rechnet vor:

“Je nach Roaming-Abkommen Ihres Netzbetreibers mit dem jeweiligen Schiffsnetz-Satellitennetzbetreiber gelten ganz unterschiedliche Preise: Ein Megabyte (MB) kann bis zu 30 Euro kosten. Ein MB reicht beispielsweise um 20 E-Mails ohne Fotos zu versenden oder zu empfangen oder fünf Webseiten zu öffnen. Für Telefonate nach Deutschland werden ‒ je nach Anbieter ‒ Beträge zwischen 3 und 7 Euro pro Gesprächsminute verlangt. Teilweise kann zusätzlich auch noch eine Einwahlgebühr anfallen.”

Die Beispielrechnung aus demselben Artikel zeigt gleich zwei schockierende Tatsachen:

  1. Nur 48 MByte Datentransfers treiben die Gesamtkosten auf über 1.100 Euro.
  2. Die Hälfte der Datentransfers betrugen nur 10 KByte, entstanden also offenbar im Stand-by, d.h. ohne dass das Gerät aktiv genutzt wurde.

Manche deutsche Mobilfunkprovider beugen diesem Wucher vor. Die c’t-Recherche hatte erheben, dass …

  • … die Telekom die EU-Kostengrenze von 59,50 Euro auch in Schiffen und Flugzeugen anwendet.
  • … bei Vodafone die Roaming-Nutzung hinzugebucht werden muss, und die Kostengrenze von 59,50 Euro gilt.
  • … bei O2 nur Vertragskunden Bordnetze nutzen können, nicht jedoch Prepaid-Kunden. Das mobile Internet ist per Default für Privatkunden gesperrt, kann aber auf Wunsch entsperrt werden. Dann gibt es aber keine Kostenobergrenze. Besonders fatal: Die Verbindungen werden bei O2 mit Zeitverzögerung abgerechnet (Offline-Billing), sodass hohe Beträge auflaufen können.
  • Drillisch-Marken (simply, WinSim, smartmobil, PremiumSIM, etc.) Roaming ungehindert zulassen, also unendlich hohe Rechnungen ermöglichen.

Eigentlich sollten Provider ihre Kunden zeitnah darüber informieren, welche Roaming-Kosten anfallen. Doch ergab die c’t-Recherche auch, dass solche SMS zum einen oft viel zu spät eintrafen (also wenn schon die ersten KBytes Daten zum Wucherpreis übertragen wurden), und sie zum anderen keine Informationen zu den eigentlich Kosten enthielten.

Wie kann ich diese Mobilfunk-Kosten an Bord vermeiden?

Da rechtlich keine Regulierung gegen die Horror-Rechnungen vorhanden ist, müsst Ihr selbst vorbeugen.

  • Informiert Euch, welchen Netzbetreiber Eure Airline oder Euer Schiff verwenden.
  • Fragt bei Eurem Netzbetreiber, welche Roaming-Gebühren damit anstehen.

Und damit es erst gar nicht so weit kommt:

  • Schaltet an Bord in den Flugmodus und aktiviert wenn nötig separat WLAN und Bluetooth bei weiterhin eingeschaltetem Flugmodus.
  • Legt in den Verbindungseinstellungen fest, dass Ihr manuell nach Netzen sucht.
  • Deaktiviert Datenroaming (außerhalb der EU oder nahe der EU-Außengrenzen).
  • Bei Huawei: Deaktiviert Wi-Fi+.
  • Deaktiviert die Mailbox oder leitet sofort alle Anrufe an sie weiter.
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In den Verbindungseinstellungen beugt Ihr Roaming-Kosten vor. / © AndroidPIT

Die Verbraucherzentrale rät des Weiteren, auf WLAN-Verbindungen auszuweichen. Denn die dort anfallenden Gebühren werden offen kommuniziert und Ihr zahlt sie unabhängig von Eurer Telefonrechnung; oft im Voraus.

Auch die Mailbox kann kosten verursachen, wenn Ihr eine bedingte Rufweiterleitung aktiviert habt. Werdet Ihr an Bord angerufen und nehmt nicht ab, zahlt Ihr dann doppelt Roaming-Gebühren: Sowohl die Gebühr für den eingehenden Anruf aus Deutschland als auch die für den abgehenden Anruf vom Handy an Bord auf die Mailbox in Deutschland müsst Ihr zahlen.

Kann ich einer Roaming-Rechnung widersprechen?

Innerhalb von acht Wochen könnt Ihr gegen die hohe Rechnung widersprechen. Zudem könnt Ihr ein technisches Protokoll über die einzelnen Datenverbindungen anfordern. Besonders aussichtsreich wird die Angelegenheit, wenn Euer Provider der Informations- bzw. Fürsorgepflicht nicht nachkommt, etwa indem die Informations-SMS zu spät bei Euch eintrifft. Euer Ansprechpartner für Rechtsberatung ist eine lokale Verbraucherzentrale.

Fazit: Der Pirat in Eurem SIM-Slot

Fassen wir zusammen: Eine beachtliche Zahl an Smartphone-Verträgen und fast alle Smartphones sind ab Werk so eingerichtet, dass in Flugzeugen und auf See enorme Kosten entstehen. Dabei ist es nahezu gleichgültig, ob Ihr Euer Smartphone aktiv nutzt oder nicht: Selbst geringste Datenmengen aus empfangenen Chat-Nachrichten oder verpasste und dann an die Mailbox weitergeleitete Anrufe treiben unbemerkt Eure Rechnung in die Höhe.

Manche Mobilfunk-Provider haben von sich aus Obergrenzen für derlei Kostenfallen definiert. Aber vor allem der für ansonsten preiswerte Tarife bekannte Anbieter Drillisch nimmt den finanziellen Ruin seiner Kunden billigend in Kauf. Und weder Telefon-Hersteller noch der fürs Betriebssystem-verantwortliche Konzern Google implementieren wirkungsvolle Automatismen und buchen Smartphones mit den Werkseinstellungen in das lokal stärkste Netz ein; koste es, was es wolle.

Auch wenn die Kosten maßgeblich von Providern wie AeroMobile und ihren nautischen Pendants definiert werden, sollten unsere heimischen Provider uns Kunden mehr Kontrollmöglichkeiten bieten. Es sollte ein Knopfdruck im Online-Service-Center oder ein Anruf bei der Service-Nummer ausreichen, um Übersee-Roaming zu deaktivieren und Anrufe an die Mailbox zu schicken – letzteres idealerweise nur für die geplante Dauer der Reise.

Stattdessen bleibt der Kunde im Dunkeln darüber, was wieviel kostet und wie er sich vor den Kosten schützen kann, ohne ganz auf Handy oder SIM-Karte zu verzichten. So lange diese Masche weiter betrieben wird, verwandelt sich Euer Smartphone auf Reisen potenziell zum Piraten in Eurer Tasche – und manch ein Mobilfunkbetreiber macht sich zum Komplizen.

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