Fünf Punkte, wie Mangel uns kreativer macht

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Dr. Devi Shetty ist der Henry Ford der Herzchirurgie. So jedenfalls bezeichnete ihn das Wall Street Journal. – Soll das also heißen, die Patienten werden auf einem Fließband durch den Operationssaal geschoben?

Nein, das ist nicht der Punkt. Henry Ford machte aus dem Luxusgut Automobil zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein für viele Menschen erschwingliches Massenprodukt, indem er die damals modernsten Technologien konsequent einsetzte. Genau das gleiche macht heute dieser indische Herzchirurg mit Herzoperationen: Er macht sie durch Hightech für jedermann erschwinglich.

Nur mal zum Vergleich: In Deutschland kostet eine lebensrettende Operation am offenen Herzen rund 30.000 Euro. In einem indischen Krankenhaus kostet sie 3.500 Euro. Bei Devi Shetty kostet sie nur noch 1.000 Euro.

Ein Herz für alle

Der Ursprung dieser Idee ist in Kalkutta zu finden. Dort erlitt Mutter Teresa eines Tages einen Herzinfarkt. Devi Shetty wurde ihr Arzt und betreute sie in den letzten sechs Jahren ihres Lebens. In dieser Zeit begleitete er sie auch zu den Armen und Kranken in der Region. Seit damals stand für ihn fest, dass er es schaffen will, nicht nur den Reichen, die sich eine Herzoperation leisten können, medizinisch helfen zu können, sondern mehr Menschen, möglichst allen Menschen, auch denen, die unter Mangel leiden. Also, dachte er, muss der Preis für solche Operationen gesenkt werden.

Das war der Anstoß für ihn, über ein radikal neues Konzept für Kliniken nachzudenken. Entstanden sind seitdem 25 medizinische Center in ganz Indien, die Herzoperationen zu einem Bruchteil der Kosten anbieten wie sie in westlichen Kliniken anfallen – aber auf dem gleichen medizinischen Niveau.

Mangel schafft Kreativität

Um sein Ziel zu erreichen, schaute er sich in anderen Branchen um: Wie gelingt es Discountern, so preisgünstig zu sein? Wie machen das Billigfluggesellschaften?

Sehr schnell wurde ihm klar, dass er den Preis für eine Herz-OP nur durch den konsequenten Einsatz digitaler Technologien und durch das radikale Überarbeiten des gesamten medizinischen Systems senken konnte. Das beginnt bereits beim Gebäude:

  • Einstöckige Kliniken ersparen teure Fundamente, Treppen und Aufzüge.
  • Vorgefertigte, standardisierte Bauteile.
  • Patienten-Säle mit bis zu 50 Betten.
  • Klimaanlagen nur in den Operationssälen.

Um die Kosten für das Pflegepersonal zu verringern, werden Angehörige angehalten, einen Pflegekurs zu belegen.

Sein System beinhaltet sogar ein sehr einfaches Versicherungssystem, das sich auch arme Menschen leisten können: Wer über ein höheres Einkommen verfügt, bezahlt einen höheren Preis, dadurch kann ärmeren Patienten ein Teil des Preises erlassen und mittellosen Patienten die OP komplett gesponsert werden.

Das bedeutet, dass die OP-Pläne von täglichen Finanzchecks bestimmt werden, um eine ausgewogene Verteilung von Voll- und Teilzahlern zu bestimmen.

Und weiter: Teures OP-Material wird mittlerweile nicht mehr aus dem Westen importiert, sondern von selbstaufgebauten Start-ups kostengünstiger für den eigenen Bedarf hergestellt.

Wir finden diese durch Mangel entstandenen Innovationen beeindruckend. Und die Frage muss erlaubt sein, warum die Operationen und das ganze Gesundheitswesen hierzulande so teuer sein müssen. Auf die Frage, was der Westen von seinen Erfahrungen lernen könne, antwortete Dr. Shetty: „Nichts. Reichtum lähmt Kreativität.“

Fünf Tugenden bei knappen Ressourcen

Ein harter Satz. Dem ersten Teil widersprechen wir. Unserer Überzeugung nach können wir im Westen extrem viel von Devi Shettys Arbeit lernen. Aber den zweiten Teil halten wir für absolut richtig: Reichtum lähmt Kreativität!

Wem nur wenig Ressourcen zur Verfügung stehen, der muss kreative Wege finden, diese Knappheit auszugleichen. Mangel lässt uns Lösungen finden, die in einer Situation der Mittelfülle niemals gedacht worden wären und die deshalb gar nicht in Betracht gezogen worden wären.

Fünf Punkte haben wir identifiziert, zu denen der Mangel uns zwingt:

1. HOHE ZIELFOKUSSIERUNG

Man sagt: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Für Innovation gilt: Der Zweck treibt Innovation voran – nicht die Mittel! Das Vorhandensein eines klaren Ziels forciert Innovation, auch wenn die Mittel nur durchschnittlich und die Wege, wie man dieses Ziel erreichen will, noch unklar sind. Devi Shetty hat das in einem Interview mal so ausgedrückt: „[…] we have no money! Necessity is the mother of invention. We need to do 2.5 million heart surgeries per year. And all the heart surgeons in the country put together perform about 130,000 heart surgeries a year, and the others die. So we have to do something.“

2. UMFANGREICHERE SUCHE

Der Suchkorridor nach Lösungen wird breiter. Wer auf den normalen und bekannten Wegen nicht weiterkommt, sucht ganz automatisch Lösungen in neuen und bis dato unbekannten Gebieten. Man versucht, Analogien zwischen ganz unterschiedlichen Bereichen und Branchen zu finden. Hat vielleicht irgendjemand in einer ganz anderen Branche an einem ganz anderen Flecken dieser Welt schon eine Lösung für mein Problem gefunden? Wir haben in einem früheren Blogbeitrag einmal beschrieben, warum beispielsweise ein Krankenhaus mit einem Formel-1-Team kooperiert.

3. REFRAMING

Wenn klassische oder scheinbar naheliegende Lösungen euch nicht weiterbringen, könnt ihr die Problemstellung umgestalten und euch einen neuen „Rahmen“ für die Herausforderung suchen. Das heißt, ihr ändert die Problemstellung, die Perspektive, den Winkel, das Medium, die Struktur oder die Story – und findet plötzlich Lösungen, wo ihr vorher nicht einmal ansatzweise gesucht hättet. Wir haben das einmal hier beschrieben: Warum ein Spiegel die Lösung für einen zu langsamen Aufzug ist.

4. KREATIVES KOMBINIEREN

Ihr improvisiert Lösungen aus dem Vorhandenen, setzt das, was schon da ist, in neue Konfigurationen. Das ist nichts anderes als eine Bricolage. Der französische Begriff Bricolage steht für ein Verhalten, bei dem der Akteur (Bricoleur) mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen Probleme löst, statt sich besondere, speziell für das Problem entworfene Mittel zu beschaffen. Eigentlich ist es das, was Künstler seit Ewigkeiten machen. Kunstrichtungen wie der Impressionismus, der Kubismus oder die Postmoderne zeigen, dass jede grundlegende Neuerung in der Kunst in der Regel auf neuen Kombinationen von schon Vorhandenem basiert. Weder die Leinwand, noch die Farben oder die Pinsel haben sich grundlegend verändert, sondern die Art, wie die Künstler die Welt wahrgenommen haben.

5. EXPERIMENTELLES LERNEN

Das bedeutet, nicht zu früh ins Detail zu gehen. Stattdessen stehen im ersten Schritt das Hinterfragen, der Blick über den Tellerrand des Vertrauten und das Improvisieren, Ausprobieren und Nachjustieren im Vordergrund. Damit wird die Diskussion auf Über-Tellerrand-Niveau angehoben: „Was, wäre, wenn wir A mit B verknüpfen, C weglassen und etwas von D dazunehmen? Komm, lass uns mal das Ganze doppelt so groß anlegen. Wie ginge das mit dem Material statt mit dem? Kombinier es mal! Lass uns komplett auf X und Y verzichten, lass mal sehen, wie Z alleine aussieht!“ Wir sind Fans moderner Architektur und schätzen insbesondere Frank Gehry (mit dessen Geschichte wir unser Buch Hört auf zu arbeiten! eröffnet haben). Er nennt diese Vorgehensweise den Mut zur Grobheit.

BUILD – MEASURE – LEARN

Was Dr. Devi Shetty macht, ist nicht nur großartig, es bestätigt auch eines der Mantras von Alphabet (vormals Google): „Creativity loves constraints“ („Kreativität liebt Einschränkungen“) – Ja, es sind die Einschränkungen und der Mangel, nicht der Reichtum, nicht der Überfluss, die Innovationen in neue und interessante Richtungen treiben.

Und noch was! Wenn wir uns die fünf genannten Ableitungen anschauen, dann wird uns klar: Diese fünf Zutaten sind das Rezept für Agilität. Dieses momentan ziemlich überstrapazierte Schlagwort wird lebendig, wenn ihr euch klar macht: Agilität ist das, was notwendig wird, wenn wir gezwungen sind, mit begrenzten Mitteln kreativ zu gestalten und zu einem klaren Ziel aufzubrechen, ohne den Weg zu kennen. Denn dann bleibt nichts anderes übrig, als den dunklen Raum der Zukunft mutig zu betreten und sich Schritt für Schritt voranzutasten – mit den Mitteln, die da sind. Und mit maximaler Lernkurve. Build – measure – learn.

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